Nach einem Märzmarkt bei denkbar schlechtem Wetter, war der Zuspruch beim ausserplanmäßigen 43. Gebrauchtfahrradmarkt des ADFC am Samstagmorgen riesig
Wenn Räder ihre Geschichte erzählen könnten…
Das Registrieren lohnt sich angesichts der wachsenden Zahl von Fahrraddiebstählen. Foto: Robert Lehr
VON ROBERT LEHR Opa Walter wäre stolz auf seine Enkelin gewesen. Schon 2006 ist er verstorben und erst jetzt hat es Susanne Wolf übers Herz gebracht, ihr „Erbstück“ eines top-gepflegten Kettler-Herren-Alu-Rades beim Gebrauchtfahrradmarkt des ADFC am Samstagvormittag zum Verkauf anzubieten. „Ich will es in guten Händen wissen“, schmunzelt die Diplom-Sportlehrerin gleich zum Auftakt um 9 Uhr vor der Stadtbibliothek.
Doch schon eine halbe Stunde vorher hätten die ersten Drahtesel ihre Besitzer gewechselt, weiß der ADFC-Aktive Stefan Cluin. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr biete man jetzt ausserplanmässig den offenbar immer beliebter werdenden Markt an, ergänzt Vereinskollege Günther Niederhöfer. Das Wetter im März sei einfach zu schlecht und die Nachfrage nach einer schnellen Wiederholung zu groß gewesen.
Bestes Wetter lockte
Letzteres zeigte sich auch am Samstag – allerdings bei bestem Wetter. Und so herrschte ein reges Treiben rund um den Siegfriedbrunnen und vor Haus zur Münze sowie der Dreifaltigkeitskirche. Hardy Koperlik hatte alle Hähne voll zu tun, die vielen Anbieter abzufertigen. Zwei Euro musste man pro angebotenem Fahrrad berappen, für Vereinsmitglieder war die Teilnahme kostenlos.
Der Platz schien in ein Meer orangener ADFC-Westen und noch weit mehr blauer Angebots- und Preiszettel an den Verkaufsobjekten getaucht. Dabei waren es nicht nur die klassischen Fahrräder, die angeboten wurden. So versuchte Andreas Werner aus der Wasserturmstraße sein schickes Pedelec zu verkaufen, während Lucia Schambach aus Horchheim neben einem klassischen Damenrad ihr ebenso putziges Mini-Rennrad mit Stützrädern anbot. Ein neuzeitliches Micro-Bike, Liegeräder und gar ein Tandem rundeten das Angebot ab.
Vor allem Kinderfahrräder aller Größen gab es viele zu sehen. „Alle zwei Jahre braucht mein Junior ein neues Rad, weil er aus dem alten herausgewachsen ist“, unterstreicht Thomas Eich. Wie alle potentiellen Küfer prüft auch er das Rad genau und lässt es von ADFC-Helfern auf die richtige Sattelhöhe bringen, bevor Oscar eine Testrunde drehen kann.
Ist die wie bei Jason Nock erfolgreich verlaufen, geht es ans Feilschen und den Preis. Da Papa Johann hier als Geschäftsmann klar im Vorteil ist, wird man sich schnell mit dem Verkäufer bei einem „guten“ Preis einig. Doch um das neue Rad so richtig geniessen zu können, sollte es erst noch in der Polizei-Datenbank erfasst werden.
Fahrradbeauftragter stand Rede und Antwort
Und während der junge stolze Besitzer eines nagelneu aussehenden Mountain-Bikes auf die Registrierung wartet, nutzt Johann Nock die Gelegenheit, sich bei Helmut Gerlach zu erkundigen, was man dagegen tuen könne, dass zwischen Leiselheim und Pfeddersheim die Radfahrer und damit auch unzählige Schüler auf die Straße müssten, weil der Fußweg für sie zwischenzeitlich verboten wurde.
Der ehrenamtliche Fahrradbeauftragte der Stadt kennt das Problem. So wie hier seien an vielen Stellen in Worms die bestehenden Regelungen verändert worden. Auch in der Alzeyer Straße oder der Eckenbertstraße müssten die Radfahrer auf die Straße ausweichen. Er vermute, so Gerlach im Rahmen seiner öffentlichen Sprechstunde am Rande des Marktes, wolle man den Bereich von Einfahrten sicherer machen. Die schweren Unfälle aber passierten nicht auf den Geh- oder Radwegen, sondern auf der Straße. Daher sieht er die Änderungen kritisch.
Helmut Gerlach konnte sich über großes Interesse an seinem Fachwissen freuen.
Kritisch müssen allerdings keineswegs die ADFCler sein, denn ihr Konzept ist einmal mehr aufgegangen. Neben dem Verkauf informierten sie zudem über neueste Karten, Informationsmaterial über Radreisen und das Wormser Radtourenprogramm. Neu-Mitglied Wilfried Rutschmann fühlte sich sichtlich wohl in der orangenen Weste und half eifrig mit. Der quirlige Wormser Steuerberater ist noch nicht lange im ADFC, vertritt diesen aber mit der von ihm bekannten Verve.
Inmitten der vielen Drahtesel fühlte sich auch Ayran Beta wohl. Mit seinem vollbepackten Fahrrad machte er am Marktplatz eine kurze Rast auf seiner Rede von Stuttgart nach Hamburg. Am Montag schon wolle er dort sein, bekannte der sympathische gebürtige Inder in einwandfreiem Deutsch.
Ihm ist zu wünschen, dass er dort heil ankommt. Auch die Wünsche von Susanne Wolf sind in Erfüllung gegangen. Zwar für etwas weniger als erwartet wechselte Opa Walters Fahrrad den Besitzer. In dem rüstigen Rentner werde es bestimmt den erhofften würdigen Nachbesitzer finden, verabschiedete sie sich doch etwas sentimental von dem Erinnerungsstück.
Und neben unzähligen anderen Rädern hat auch das Stützräder-Rennrad einen Käufer gefunden. „Das wird etwas aufgearbeitet und schmückt in Zukunft unseren ADFC-Stammtisch“, freut sich Günther Niederhöfer – Wenn Räder ihre Geschichte erzählen könnten…[nggallery id=92]