
Von Florian Helfert › Ein leerer Stuhl stand am Samstagmittag am Wormser Winzerbrunnen. Darauf ein Satz, der hängen bleibt: „Hier sollte meine Entlastung sitzen.“ Anlässlich des Tages der pflegenden Eltern machte Sandra Wendel am 24. Oktober mit einer Solo-Aktion auf die Lebensrealität pflegender Familien aufmerksam.
Sandra Wendels Sohn Bastian ist 35 Jahre alt, hat eine komplexe Behinderung und Pflegegrad 5. Seit seiner Geburt gehört Pflege zum Alltag der Familie. Medikamente müssen gegeben, Arzttermine organisiert, Hilfsmittel beschafft, Fahrten übernommen und Betreuung sichergestellt werden. Auch nachts endet die Verantwortung nicht.
„Man macht vieles einfach, weil es das eigene Kind ist und weil man es liebt. Aber Liebe schützt nicht vor Erschöpfung“, so die Mutter. Für sie ist es wichtig, auch über die unsichtbare Seite der Pflege zu sprechen: über Müdigkeit oder auch über private Freizeittermine, die abgesagt werden müssen, weil niemand übernehmen kann. Und über die ständige Frage, was passiert, wenn die eigene Kraft irgendwann nicht mehr reicht. „Wenn niemand da ist, kann man nicht einfach sagen, heute geht es nicht.“ Genau deshalb stand der leere Stuhl bei ihrer Aktion im Mittelpunkt. Für sie steht er für eine verlässliche Entlastung, die vielen Familien fehlt.
„Pflegende Angehörige entlasten das System jeden einzelnen Tag enorm. Ohne uns würde es so nicht funktionieren“, glaubt die Beisitzerin im Vorstand der Lebenshilfe Worms. Immerhin finde ein großer Teil der Versorgung zu Hause statt. Pflege, Betreuung, Medikamentengabe, Nachtbereitschaft und Organisation würden – häufig über Jahrzehnte – von Familien übernommen. Wenn diese Angehörigen ausfallen würden, könne das professionelle Pflegesystem all dies nicht einfach zusätzlich stemmen.
Genau deshalb betrachtet Sandra Wendel die geplante Pflegereform der Bundesregierung mit Sorge. Mit dem Pflegeneuordnungsgesetz sollen ihr zufolge Leistungen neu gebündelt und bestehende Ansprüche verändert werden. Auch Leistungen, die pflegenden Familien bislang Entlastung ermöglichen, sollen neu geordnet werden. Für Wendel darf das nicht dazu führen, dass Unterstützung schwerer zugänglich wird oder Familien am Ende weniger flexibel handeln können. „Unser Alltag richtet sich schließlich nicht nach starren Vorgaben. Pflege ist nicht planbar wie ein Bürotag.“
„Wenn eine Leistung nur unter engen Voraussetzungen nutzbar ist oder so kompliziert wird, dass man sie kaum einsetzen kann, hilft sie den Familien nicht.“ Für Wendel muss sich eine Pflegereform daran messen lassen, ob Familien im Alltag de facto Unterstützung bekommen. „Wir brauchen nicht weniger Möglichkeiten, sondern mehr. Und diese Möglichkeiten müssen flexibel sein.“ Besonders kritisch sieht sie jede Entwicklung, durch die Entlastung gestrichen, eingeschränkt oder schwerer zugänglich werden könnte. „Wer die häusliche Pflege erhalten will“, so Wendel abschließend, „muss die Menschen schützen, die sie leisten.“
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