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  • Sa., 19. Juli 2014, 00:44 Uhr
    Erste Hauptprobe von „Hebbels Nibelungen – born this way“

    Wider die tumbe Nibelungentreue

    Eva Gosciejewicz als Ute (rechts) meistert ihre Rolle trotz des kurzfristigen Einspringens für Susanne Uhlen souverän. Charlotte Puder gibt eine selbstbewusste, extrem beherrschte Kriemhild. Foto: Karoline Krüger


    Von Regina Urbach Am Dienstagabend war Fotografen, Medienvertretern und Gewinnern mehrerer Zeitungsaktionen ein Besuch der ersten Hauptprobe der Nibelungenfestspiele gestattet. Nur mit einer 25-minütigen Pause ließen Dieter Wedel und Jörn Hinkel die Probe ansonsten ohne Unterbrechung durchlaufen. Die Beleuchtung hatten sie erst am Tag zuvor festgelegt; das umfangreiche Filmmaterial erst kürzlich gesichtet. Dafür wirkte die Vorstellung schon sehr rund.

    Der diesjährigen Aufführung wird niemand vorwerfen können, sie habe zu viel Komödiantisches oder verliere sich in Nebenhandlungsgeplänkel. Zum Abschluss seiner Intendanz stellt Dieter Wedel wie angekündigt unter Beweis, dass er sich ernst und tief mit dem Untergang der Nibelungen auseinandersetzt. Düster wie die Dom-Nordseite und mit einer passagenweise donnergewaltigen, doch stets verständlichen Sprache setzt Hebbels Stück ein. Bedrohlich ertönen live erzeugte Begleittöne wie eine Thriller-Filmmusik. Das Publikum wird im Atem steigender Spannung gehalten; unaufhaltsam steuert die Handlung dem Untergang zu. Viele Kostüme aus dem letzten Jahr knüpfen an das letztjährige Fantasy-Märchen in seiner Gothic-Szenerie an. Auch manche Rolle ist wie 2013 besetzt, allen voran Lars Rudolph als Hagen, Markus Majowski als Volker, Roland Renner als Rüdiger oder André Eisermann als Kaplan. Nach acht Jahren ist Christian Nickel wieder als Gunther zu sehen. Für die erkrankte Susanne Uhlen sprang Eva Gosciejewicz als Ute ein. In prominenter Rolle neu sind vor allem Charlotte Puder als Kriemhild und Erol Sander als Etzel.

    Lars Rudolph als Hagen gibt einen Widerling wie aus dem Bilderbuch, dem man absolut nichts Positives abgewinnen kann. Foto: Karolina Krüger


    Etzel als Weltenrichter

    Die diesjährige Inszenierung hinterfragt die Rachsucht, aber vor allem die Nibelungentreue – jene Tugend, die Goebbels 1943 nach Stalingrad den Deutschen predigte und deren Lobpreis Hebbel der Figur des Werbel in den Mund legt. Vorgeführt werden quasi drei Kulturen: Burgund (teutonisch-hinterwäldlerisch, unnachgiebig), das Reich des Rüdiger von Bechelaren (mediterran-unbeschwert, stets verhandlungsbereit) sowie ein idealisiertes Hunnenreich mit einem souveränen, weltoffenen Herrscher, der aus Einsicht gewaltsamer Eroberung entsagt hat und wie ein Weltenrichter zur moralischen Instanz wird.

    Anders als in früheren Aufführungen und als es das Titelplakat vermuten lässt, verzichtet Wedel fast vollständig auf Bühnenblut, nicht aber auf die packende Darstellung zahlreicher Bühnenmorde. Was die Domkulisse hergibt, wird genutzt für eine im ersten Teil Action-reiche Darstellung: kletterbare Wände mit Türen rechts und links der Bühne, das Domportal, die von innen ausgestrahlten Fenster, eine Falltür im Boden, ein Gerüst mit hoher Galerie und der Zuschaueraufgang. Sogar eine Domwand (natürlich nur eine aufgebrachte Schutzschicht) wird mit Graffitti besprüht. Düster-schöne Bilder entstehen vor allem durch das Mystery-Styling vieler Figuren wie der schaurigen Schamaninnen (eine übrigens mit vollem Körpereinsatz gespielt von „Lottofee“ Franziska Reichenbacher – auch einer Schicksalsprophetin!) oder durch eine monumentale Doppelpferdstatue, die ferne an Brünhilds berühmtes „Eispferd“ früherer Inszenierungen gemahnt. Den ästhetischen Kontrapunkt setzt der zweite Teil mit schießwütigen Burgundern in GSG9-Schutzhelmen und Automatikwaffen sowie Bildern, die an Irak- oder Afghanistaneinsätze erinnern.

    „Hebbels Nibelungen – born this way“ zeigen eine große Distanz zwischen Kriemhild (Charlotte Puder) und Etzel (Erol Sander). Foto: Karolina Krüger


    Europas gefühlt größter Badezuber

    Wedel wäre nicht Wedel, gäbe es nicht auch Zugeständnisse an „Sex sells“. Diese auflockernden Einsprengsel, unter anderem mit Europas gefühlt größtem Badezuber und viel, viel Wasser, dominieren aber nicht. Anders die mitunter recht langen Filmeinspielungen, als Rückblenden durchaus sinnvoll, aber für die Erzählung von Schlüsselszenen, die schauspielerische Meisterschaft abfordern, eher inflationär verwendet. Nach einem fast durchweg spannenden, oft bewegenden Schauspielabend wird wohl kein Zuschauer nach Hause gehen, ohne sich über Wedels eindringliche Warnung vor zu viel tumber Nibelungentreue Gedanken gemacht zu haben.

    „Hebbels Nibelungen – born this way“ werden noch bis 3. August täglich um 21 Uhr an der Dom-Nordseite aufgeführt. Karten gibt es bei www.nibelungenfestspiele.de oder der Hotline 01805-337171 (0,14 €/Minute).



     

     
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