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Di., 13. Juli 2021, 13:16 Uhr
FORSCHUNGSERGEBNISSE: Yvonne Langenbucher zieht Bilanz ihrer Masterthesis an der Hochschule Worms / Umfrage mit 625 Teilnehmern
Wie beeinflusst Corona das künftige Reiseverhalten?
An der Umfrage von Yvonne Langenbucher für ihre Masterthesis an der Hochschule Worms nahmen 625 Personen teil. Foto: Robert Lehr
Ganz auf Fernreisen verzichten, mehr Camping- oder Wohnmobilreisen planen und den Hygienestandards in den Tourismuszielen mehr Bedeutung schenken? Oder alles wie gehabt? Wie gestalten NK-Leser in der Zukunft ihren Urlaub?
Diesen Fragen ging Yvonne Langenbucher nach. Die 24-Jährige studiert International Tourism Management an der Hochschule Worms und verfasst eine Masterthesis über das Thema „Einfluss der Coronakrise auf das zukünftige Reiseverhalten“. Unterstützung erhielt sie dabei auch aus den Reihen der NK-Leser, die einen Online-Fragebogen beantworteten. Diese sind nun ausgewertete und brachten folgende Erkenntnisse.
Reisen weiter hoch im Kurs
Die Umfrage begann mit der Einschätzung des künftigen Reiseverhaltens. Knapp 60 % lehnten die Aussage, künftig weniger zu reisen, ab, während 21,9 % zustimmten. Ein ähnliches Stimmungsbild ergab sich für die Aussage künftig mehr zu reisen. Während 23,5 % in Zukunft auf Fernreisen verzichten wollen, lehnt dies der Hauptteil der Befragten eher (19,2 %) oder komplett (36,6 %) ab. Jeweils ca. 40 % wollen künftig mehr auf die Umweltbelastung sowie finanzielle Sicherheit auf Reisen achten. Mehr auf die Gesundheit und Hygienestandards der Leistungsträger achten wollen jeweils etwa 55 % der Befragten; je ca. 22 % lehnen dies ab. Ebenfalls stark befürwortet wurden die Aussagen, künftig Menschenansammlungen zu meiden (52 %) und mehr Natur-/Aktivreisen zu machen (45,4 %). Am stärksten abgelehnt wurden die Aussagen, auf Städtereisen zu verzichten (72,8 %) und mehr Camping-/Wohnmobilurlaube zu machen (59,2 %). Hierbei ergaben sich leichte Korrelationen zwischen der Risikogruppenzugehörigkeit und den Aussagen, mehr zu reisen und auf Fernreisen zu verzichten sowie mehr auf die Gesundheit und finanzielle Sicherheit zu achten.
Personen mit Risikogruppenzugehörigkeit wollen künftig auf Fernreisen verzichten und nicht mehr reisen. Zählt hingegen nur ein Haushaltsmitglied zur Risikogruppe, wird der Aussage, mehr zu reisen, eher zugestimmt und auf Fernreisen zu verzichten wird abgelehnt. Personen ohne Risikogruppenbezug werden zukünftig nicht mehr auf ihre Gesundheit und finanzielle Sicherheit achten. Dies ist jedoch dann der Fall, wenn man selbst und ein Haushaltsmitglied zu den Risikogruppen zählt. Ebenfalls bestehen zum Einkommen leichte Signifikanzen bzgl. der Aussagen, mehr zu reisen und mehr auf die Umweltbelastung, die Gesundheit, die finanzielle Sicherheit und Hygienestandards zu achten. Während Personen mit einem Einkommen unter 1.000 Euro künftig mehr reisen wollen, lehnen dies Personen mit einem Einkommen bis 3.000 Euro ab. Zudem wollen besonders Personen mit einem Einkommen über 4.000 Euro, im Gegensatz zu Personen mit einem geringeren Einkommen, nicht mehr auf ihre Umweltbelastung achten. Je niedriger das Einkommen der Befragten war, desto eher möchten sie künftig auf ihre Gesundheit und finanzielle Sicherheit sowie die Hygienestandards der Leistungsträger beim Reisen achten. Auch das Alter korreliert leicht mit der Absicht, mehr zu reisen, Menschenansammlungen zu meiden und damit, mehr Campingurlaube zu machen. Dabei gilt: Je älter die Befragten, desto höher ist die Zustimmung dazu, Menschenansammlungen zu meiden bzw. ist die Ablehnung umso höher, künftig mehr zu reisen und Campingurlaube zu machen. Besonders Personen unter 30 Jahre wollen dabei mehr Reisen und künftig Campingurlaube machen und Personen über 60 Menschenansammlungen meiden. Zuletzt nimmt auch die Impfbereitschaft Einfluss auf die Beantwortung der Aussagen, weniger zu reisen, mehr auf die Gesundheit und die Hygienestandards zu achten sowie Menschenansammlungen zu meiden. Besonders Impfgegner wollen künftig weniger reisen, während Impfwillige diese Aussage stark ablehnen. Unschlüssig sind besonders bereits Geimpfte. Künftig mehr auf die Gesundheit und Hygienestandards achten und Menschenansammlungen meiden wollen besonders Geimpfte und Impfwillige. Hier lehnten besonders die Impfgegner ab.
Die Auswirkungen von Corona auf das Reiseverhalten nahm Yvonne Langenbucher von der Hochschule Worms in ihrer Umfrage unter die Lupe. Foto: Pixabay
Erhöhte Flexibilität auf Reisen
Die künftige Bedeutung von Flex-Tarifen als Buchungskriterium wurde zu Beginn durch eine Gewichtung ermittelt. Dabei ergab sich, dass der günstigste Preis für 42,1 % am wichtigsten ist, dicht gefolgt von vergünstigten Stornierungsbedingungen auf dem zweiten und vergünstigten Umbuchungsbedingungen auf dem dritten Rang. Jedoch wurden die Stornierungsbedingungen ebenfalls in 41,3 % der Fälle auf Platz 1 gesetzt. Die Flex-Tarife stellen hingegen für Personen mit Risikogruppenbezug, einem hohen Einkommen oder gestiegener Erkrankungsangst künftig ein wichtigeres Kriterium dar. Tendenziell werden Flex-Tarife umso wichtiger, je älter die Befragten sind. Die Buchungswahrscheinlichkeit variiert dabei je nach Reiseform. Am höchsten ist sie mit 66,7 % für lange im Voraus gebuchte Reisen, gefolgt von Fern- (64,3 %), Urlaubs- (51,4 %) und Europareisen (42,1 %). Für Inlands- und Kurzurlaubsreisen befürworteten je nur etwa 19 % die mögliche Buchung. Am unwahrscheinlichsten ist die Buchung von Flex-Tarifen für Last-Minute-Angebote (12,5 % Zustimmung).
Erhöhte Sicherheit auf Reisen
Die Ergebnisse der Impfbereitschaft spiegeln sich auch bei der Meinung zum Impfpass der EU wider. Ein Anteil von 56,2 % würde sich hierdurch wieder sicherer auf Reisen fühlen. Jedoch lehnte dies auch etwa ein Viertel ab. Jeweils knapp über ein Drittel der Befragten stimmten zu, dass der grüne Pass in den allgemeinen Reisepass integriert und ein Pflichtdokument auf Reisen darstellen sollte. Die Ablehnung ist hier für die Integration höher als für das Pflichtdokument. Eine ähnliche Verteilung ergab sich für die Bevorzugung von Destinationen, die einen solchen Nachweis verpflichtend machen. Rund ein Drittel würde diese bevorzugen; 38,2 % lehnten dies ab. So würden auch nur etwa 15 % Länder mit einer Nachweispflicht meiden; 70,3 % lehnen diese Aussage ab. Ebenso haben 68,8 % der Befragten keine Bedenken beim Schutz der Gesundheitsdaten. Insgesamt sprechen sich ca. 20 % gegen die Umsetzung eines Impfpasses aus, während über 60 % sogar für eine global einheitliche Lösung sind. Auch hier ergaben sich verschiedene Korrelationen. So werden Personen ohne Risikogruppenbezug Destinationen mit einer Nachweispflicht künftig meiden. Bei den Korrelationen mit dem Alter ergab sich hingegen, dass speziell Personen ab 50 Jahren solche Destinationen künftig bevorzugen werden. Besonders Personen unter 30 sowie ab 60 Jahren würden sich durch einen solchen Pass sicherer fühlen. So wächst mit steigendem Alter auch die Zustimmung, den grünen Pass als Pflichtdokument einzusetzen. Hinsichtlich der Erkrankungsangst fühlen sich Personen, deren Angst zugenommen hat, hierdurch wieder sicherer. Hingegen haben Personen mit gesunkener Erkrankungsangst dafür mehr Datenschutzbedenken. Letztlich besteht zudem ein signifikanter Zusammenhang zur Impfbereitschaft. Impfgegner und -skeptiker sprechen sich gegen die Einführung eines solchen Passes aus, während Geimpfte und Impfwillige dafür sind.
Ein ähnliches Stimmungsbild ergab die Abfrage der Einstellung zu allgemeinen Reisefreiheiten von Geimpften durch Leistungsträger: 47,5 % würden sich hierdurch auf Reisen wieder sicherer fühlen. Dies lehnt jedoch auch ca. ein Drittel ab. Die stärkste Zustimmung erhielt mit 63,2 % die Aussage, dass es zurzeit noch zu früh, generell aber eine gute Regelung sei. Jeweils etwa 39 % halten einen solchen Pass für schlecht, da er einen indirekten Impfzwang impliziert und diskriminierend gegenüber Nichtgeimpften ist. Wie Abbildung 7 verdeutlicht, ist das Vorweisen eines Impfnachweises für etwa die Hälfte kein Kriterium für die Destinations- oder Leistungsträgerwahl. Jedoch würden 37,8 % jene mit Impfnachweis bevorzugen.
In Zusammenhang mit der Erkrankungsangst wurde die künftige Buchungsbereitschaft einer Reisekrankenversicherung abgefragt. Hierbei ist die Zustimmung bei Fernreisen mit ca. 72 % am größten, gefolgt von lange im Voraus gebuchten Reisen (62,2 %), Europa- und Urlaubsreisen (je ca. 41 %), Last-Minute-Angeboten (28,6 %) und Kurzurlaubsreisen (16,5 %). Hierbei ergaben sich zwar keine signifikanten Zusammenhänge zur Risikogruppenzugehörigkeit, jedoch zur Erkrankungsangst bezüglich Europa-, Fern-, Urlaubs- und lange im Voraus gebuchten Reisen. Personen, die künftig nach eigener Aussage mehr Angst haben werden, stimmten für diese Reisearten zu, künftig eine Reisekrankenversicherung hinzuzubuchen, während jene, die ihre Angst verloren haben, stärker ablehnen. Ebenso ergaben sich bezüglich des Einkommens Korrelationen bezüglich Fern- und Kurzurlaubsreisen sowie Last-Minute-Angeboten. Je niedriger das Einkommen ist, desto wahrscheinlicher wird eine Versicherung für Fernreisen gebucht und desto unwahrscheinlicher ist die Zubuchung bei Kurzurlaubsreisen und Last-Minute-Angeboten.
Auch bezüglich des Alters bestehen Signifikanzen. Besonders unter 30- und über 60-Jährige wollen künftig für Fernreisen und lange im Voraus gebuchte Reisen eine Versicherung hinzubuchen. Bei Kurzurlaubsreisen stimmen besonders die 30- bis 39-Jährigen und Personen über 50 Jahre zu. Bei Last-Minute-Angeboten ist die Versicherung für unter 30-Jährige künftig keine bessere Option.
Die Abfrage bekannter Pauschalreiseeigenschaften ergab, dass das Modell der kompletten Reiseorganisation mit 72,6 % am bekanntesten ist. Knapp 64 % kennen die Reiseleitung vor Ort und je ca. 55 % den Reisesicherungsschein sowie den Schadensersatzanspruch bei Nichterfüllung; 52 % ist die kostenfreie Umbuchung bei Reisewarnung und ca. 45 % die Rechtssicherheit nach deutschem Recht ein Begriff. Knapp 30 % waren das Recht auf Umbuchung einer Person bis 30 Tage vor Abreise und fast 10 % keine Eigenschaften bekannt. Die Buchungswahrscheinlichkeit unterschied sich dabei je nach Reiseform. Dabei ergab sich eine Zustimmung zur Zubuchung von 47,7 % bei Fern- sowie je ca. einem Drittel für Europa-, Urlaubsreisen und Last-Minute-Angebote, 11,2 % bei Inlands- und 9,4 % bei Kurzurlaubsreisen. Hierbei wurde lediglich ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Alter und Inlands-, Europa-, Fern- und Urlaubsreisen sowie lange im Voraus gebuchten Reisen festgestellt. Je jünger die Befragten sind, desto eher wollen sie künftig für diese Arten eine Pauschalreise buchen. Besonders Personen unter 30 Jahren stimmten hier überdurchschnittlich zu.
Anschließend wurde die Wahrnehmung und Bedeutung von Hygienestandards und -siegeln abgefragt. Dabei waren zwei Drittel der Meinung, dass ein höherer Preis kein Ausdruck für höhere Qualität und somit höhere Hygienestandards ist. Besonders Personen unter 30 Jahre stimmten hier mit ja, während Ältere eher ablehnten. Die Befragten sollten zudem eine Rangfolge der Buchungskriterien erstellen, die für sie am ehesten für einen hohen Hygienestandard sprechen. Hierbei ergab sich (absteigend in Bedeutung): verifiziertes Hygienesiegel – hohe Sternekategorie – anerkannte touristische Marke – hoher Preis – geringe Zimmeranzahl. Auch hier besteht ein signifikanter Zusammenhang zum Alter. Unter 30-Jährige setzten die Hygienesiegel, 30- bis 39- sowie 50- bis 59-Jährige die höhere Sternekategorie und 40- bis 49-Jährige eine geringe Zimmeranzahl auf den ersten Rang. Über 60-Jährigen war der Preis am wichtigsten. Dabei wurden Hygienesiegel bereits von 12,6 % bei der Buchung beachtet; 48 % taten dies nicht, da sie solche Siegel nicht kannten, 26,1 % wollen es zukünftig tun und für 13,3 % spielen solche Siegel bei der Buchung keine Rolle.
Auch das Nutzungsverhalten von Tracing-Apps wurde abgefragt: 47,7 % würden eine solche App zur Vermeidung von Menschenansammlungen, 56,3 % zur Nachverfolgung von Infektionsketten und 63,4 % zur Reduzierung von Wartezeiten nutzen. Jedoch hätten auch 40,3 % Datenschutzbedenken. Zudem will ca. ein Viertel auf die Nutzung des Smartphones im Urlaub verzichten und knapp die Hälfte würde es stören, jedes Mal eine App herunterladen zu müssen. Eine verpflichtende Nutzung zur Einreise würde knapp 30 % davon abhalten, während es für etwa 15 % das Land attraktiver machen würde. Beim Alter ergaben sich Signifikanzen bezüglich der Smartphone-Nutzung im Urlaub und der Attraktivitätssteigerung der Destination. Je jünger die Befragten sind, desto höher ist die Zustimmung zur reduzierten Smartphone-Nutzung im Urlaub. Je älter die Befragten sind, desto höher ist die Ablehnung, dass ein solches Angebot die Destination attraktiver macht.
Impfpass spielt zentrale Rolle
Alles in allem lässt sich schlussfolgern, dass bezüglich der Flexibilität zukünftig Flex-Tarife für Kunden attraktiv sein werden, während die Änderung des Vorkassenmodells kaum bedeutend ist. Bezüglich einer Erhöhung der subjektiven Sicherheit wird der Impfpass eine zentrale Rolle spielen. Mit einer höheren Impfstoffverfügbarkeit und besseren Erkenntnissen über deren Wirkung ist zudem davon auszugehen, dass die Impfzustimmung steigen wird, sofern die gewünschte Wirkung der Impfstoffe eintritt. Ebenfalls bestätigt werden konnte die zukünftig höhere Bedeutung von Reisekrankenversicherungen, die, wie auch die Flex-Tarife, besonders für aufwendigere, teure, lange im Voraus geplante Reisen gebucht werden. Des Weiteren zeigten die Ergebnisse, dass teilweise erhebliche Wissenslücken über die Organisationsform der Pauschalreise bestehen.
Da auch Letztere künftig attraktiver wird, sollten diese Eigenschaften besser kommuniziert werden. Schwieriger wird sich die Kommunikation hoher Hygienestandards gestalten, da hier sehr unterschiedlich geantwortet wurde. So dient teilweise der Preis, aber v. a. verifizierte Hygienesiegel, eine hohe Sternekategorie oder auch eine anerkannte touristische Marke als Anhaltspunkt für eine hohe Qualität und somit hohe Hygienestandards. Besonders Hygienesiegel, die zuvor kaum bekannt waren, scheinen dabei künftig für Reisende ein Kriterium zu sein, auf das sie achten wollen. Das Angebot eines freien Mittelsitzes hingegen wird kaum als sicherheitserhöhender Faktor empfunden, ist jedoch eine attraktive Buchungsoption zur Platzgewinnung. Letztlich werden auch Tracing-Apps häufig als ein attraktives Tool angesehen, wenngleich eher zur Verbesserung des Urlaubserlebnisses. Hier herrschen jedoch relativ große Datenschutzbedenken, die Nutzung sollte daher maximal freiwillig erfolgen.
Durch die empirische Studie und aktuelle Literatur stellte sich im Ganzen heraus, dass langfristig mit einer Normalisierung und einer Rückkehr zum bisherigen Reiseverhalten gerechnet werden kann, obgleich vorerst einige Reiseformen oder bspw. Verkehrsmittel gemieden werden. Dabei wurde ersichtlich, dass sich generell zwei ‚Lager‘ identifizieren lassen: Reisefreudige und Reisezurückhaltende. Während Erstere faktisch nur auf die Aufhebung der Reisebeschränkungen warten, um endlich wieder reisen zu können, sind Letztere zurückhaltender und werden das Pandemieende abwarten, bevor sie wieder reisen. So wird sich ein Teil der Reisenachfrage sehr schnell erholen.