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  • Sa., 16. Juli 2016, 03:27 Uhr
    Premiere der Nibelungen-Festspiele: Party, Videokunst und schlichte Figuren / Jogi Löw sorgt für Promi-Glanz

    Wieder „einfacher“ und blutiger

    Der Vorhang der ersten Aufführung ist gefallen, der Applaus war langanhaltend, aber nicht euphorisch, die Meinungen über die Aufführung gehen weit auseinander. Intendant Nico Hofmann brachte es zuvor auf den Punkt: „Ein Stück, über das man diskutieren soll!”


    VON REGINA URBACH Voller Spannung wurde die Premiere der Festspiel-Inszenierung, „Gold“, zum zweiten Mal unter der Intendanz von Nico-Hofmann erwartet. Überregionale Aufmerksamkeit und viel Prominenz unter den Premierenbesuchern hatten die Erwartungen in die Höhe getrieben. Erwartungen, die sich auf einem neuen technischen Niveau mit wunderbaren Schauspielern erfüllten, aber nur schwer über dramaturgische Schwächen hinwegtrösteten. Auch die Promi-Dichte war schon höher. Einzig Jogi Löw, Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft, brachte ein Mehr an Glanz auf den roten Teppich. Ansonsten waren vorwiegend alte Bekannte zu Gast.

    Die Figuren: Karikaturen
    „Gemetzel“ im letzten Jahr war zu komplex? „Gold“ kommt 2016 als Karikatur des Filmgeschäfts daher. Es floss zu wenig Blut? Diesmal wird kübelweise davon vergossen. Die Figuren: alternde Schauspielerinnen, ein narzisstischer Regisseur, ein Reporter-Bluthund, schwule, rechtslastige oder mit „Migrationshintergrund“ angereicherte Schauspieler. Die Motive: Geltungsdrang und Selbstüberschätzung, Wehwehchen und Selbstmitleid, Einsamkeit, Testosteronüberschuss, Egomanie und Personenkult. So stellt sich Klein Moritz das Filmgeschäft vor. Und die Zuschauer werden ohne nennenswerte Überraschungen darin bestärkt. Die im Plot eingebauten Aha-Effekte werden zwar nacheinander enthüllt: gemeine Geheimabsprachen zwischen Produzent, Bürgermeister und Klatschreporter und immer wieder der Verkauf, das Verkuppeln der Frauen. Wie bei den Nibelungen, soll das wohl heißen. Und doch – wen reißen diese Plotwendungen wirklich vom Plastikstuhl? Überbordende Optik, plappernde Dauer-Action und erdrückende Leinwandpräsenz lassen der Geschichte kaum Luft zum Atmen.

    Mit Mario Adorf war einer der profiliertesten deutschen Schauspieler und ein Pionier der Festspiele wieder vor Ort.


    Die Musik: Hommage an Kusturica
    Das aber schafft die immer wieder durchbrechende Bühnenparty mit Balkanflair. Hier schlägt das Herz der Inszenierung. Anders als die schemenhaften Bühnenfiguren fügen sich die Musiker zu einem Ganzen in die Handlung, umspielen oder überspielen sie je nach Regiebedarf. Das Ganze ist eine Hommage an Emir Kusturica, den Musiker mehr noch als den Regisseur. Subtiler als über das Haudrauf der gesprochenen, ge-stunteten Show führt uns Calis in den brodelnden Gefühlskessel, den Abgrund der Figuren. Wie dereinst Alexis Sorbas scheinen sie sich zu sagen: ‚Es ist die Hölle, aber ich habe keine andere, also tanze ich den kosmischen Tanz des Daseins!‘ Welche Musik passt dazu besser als Balkan – mit der Nostalgie des Untergangs des alten Balkan nach dem Jugoslawienkrieg und mit dämonischer Heiterkeit, die aus der Neuerschaffung der zerstörten Welt im Tanz geboren wird. Oder: „Aus Dreck mach Gold“, wie Ostermaier seinen Produzenten sagen lässt. Ist dies die Krücke für den Titel, die sich sonst nur schwer basteln lässt?

    Die Schauspieler – Theater ist mehr
    Tanz und Kampf bei den Gockelkämpfen; Tränen und Abhängigkeit im Zickenkrieg:  Unter den körperstark ausgetragenen  Konflikten ragt nur selten Facettenreiches hervor, etwa der krebskranke Produzent in Uwe Ochsenknechts unerschöpflicher Mimik. Josef Ostendorf als Drehbuchautor rettet noch am ehesten die tragische Glaubwürdigkeit dieser Komödie und entfaltet sich in Seitenhieben auf den Kritikbetrieb à la Reich-Ranicki. Auf Tatortfans wirken Dominic Raackes Bösewichtqualitäten wohltuend. Theater macht Figuren mehrdimensional, das demonstriert dieses Stück. Doch obwohl mit High Potentials besetzt, verharren ausgerechnet die Frauenfiguren in Berechenbarkeit.

    Eine Spielwiese für Technik und Optik
    „Spielwiese“ – der Begriff war im Vorfeld aus dem Calis-Team (Bühnenbild, Musik, Kostüme, Video) für die Wormser Inszenierung aufgetaucht. Das Ineinandergreifen von Video und Schauspiel fesselt an einigen Stellen die Aufmerksamkeit, wo es die Handlung nicht vermag. Auf den hinteren Sitzen verliert das Bühnenspiel zunehmend, und nicht von allen Plätzen aus bietet der Bildschirm dafür guten Ersatz. Oft überflimmert die Technik das Geschehen auf der Bühne. Anspielungen auf andere Filme wie Helmut Dietls Rossini (wird übrigens im Rahmenprogramm im KW-Kino von Thomas Schadt erläutert) und Ähnlichkeiten zu Filmen über Filmdrehs sind keinesfalls Zufall, schon die Namengebung der Figuren zitiert großzügig aus der Filmwelt. Irina Schicketanz‘ funktionales Bühnenbild bietet den zentralen Pool als Blickfang zwischen plexigläsernen Umkleiden und einer Bühne auf der Bühne; der Dom funktioniert darin gut, aber unauffällig. Die Zuschauer folgen dem Filmteam auf sichtbaren Kameraschienen, sind mittendrin. Amelie von Bülows Kostüme reichen von ästhetischer Fantasy bis zu reichlich Sixpacks im Adamskostüm.

    Das Stück – Jonglieren mit zerfließenden Ebenen
    Betrug und Rache bei den Nibelungen, betrogene Betrüger im Theaterstück: Zu diesen zwei Erzählebenen gesellt sich eine dritte, die Realität in Worms. Von der dargestellten Selbstbezogenheit der Filmwelt sind auch die Theatermacher vor dem Dom nicht frei. Aus dem Vorjahres-„Gemetzel“ zitiert Ostermaier seine starke-Brünhilden-Kriemhilden-Szene und greift ansonsten sprachlich auf Hebbel und Gegenwarts-Slang zurück. Schon im Vorfeld hatte er sein Stück als verhandelbar (bis zu einem gewissen Grad) angekündigt. Eigentlich am Königinnenstreit aufgehängt, werden in der Inszenierung die Frauenfiguren erstaunlich eindimensional und bar jeder Dämonie entwickelt. Die Frage sei gestattet: Wie viel Ostermaier steckt eigentlich in der tragisch wirkenden Figur des Autors Weide, dessen Drehbuch in Wirklichkeit gar nicht verwendet wurde? Fazit: Unterhaltung und Optik sind gelungen, eine einprägsame Erzählung weniger.





    Jogi Löw, hier mit Intendant Nico Hoffmann, war der Star abseits der Festspielbühne.


     

     

     

     

     

     

     

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