Sa., 21. November 2015, 10:21 Uhr
„Märchen unter dem Kronleuchter“: Wormser Märchen-und Sagenkreis hatte erneut in den Heylshof eingeladen
Wiederaufgefrischt: Rübezahl
Nicht nur Waren haben ihre Verfallszeit, nein – auch Geister! Etwa der Berggeist Rübezahl. Noch vor etwa 60 Jahren war das anders. Da war er noch omnipräsent: Sagenheld, Filmstar, Werbeträger. Aber wer weiß heute noch um diese Figur? Grund genug für den Wormser Märchen-und Sagenkreis, diesem Herrscher über das Riesengebirge einen Abend der Reihe „Märchen unter dem Kronleuchter“ im Heylshof zu widmen.
Dabei ging es zunächst darum, die Ursprünge der Sagenfigur aus dem Wust der Überformungen des 19. und 20. Jahrhunderts herauszuschälen. Mit gewohnter Akribie hatte Alfred Pointner sich dieser Sache angenommen. Mit Hilfe ältester Quellen stellte er zunächst dem interessiert mitgehenden Publikum – darunter eine Schülergruppe aus dem Rudi-Stephan-Gymnasium - jene sich geraume Zeit hinziehende Entwicklung vor, die aus einem brüllenden, kreischenden Poltergeist und boshaften Irrwisch des späten Mittelalters jenen allmächtigen Berggeist machte, dem man eine Hochwasserkatastrophe wie die von Trautenau anno 1576 zutraute, eines Hochwassers, das immerhin Tote gekostet und eine Brücke mitgerissen hat. Knapp 100 Jahre später – so Pointner - wurde dann das umlaufende Sagengut über Rübezahl von dem Leipziger Magister Prätorius aufgezeichnet und gedruckt – das erste Buch von Rübezahl war auf dem Markt. Dies bekam der bekannte Dichter Johann Karl August Musäus in die Hand. Der machte den Berggeist zum „Fürst der Gnomen“, veröffentlichte 1720 vier Rübezahl-Novellen und ließ sich als Eröffnung die brillante Idee mit dem Rübenzählen als Namenserklärung einfallen. Musäus hatte dann das Thema besetzt, bis es dann schließlich das 19. und 20. Jahrhundert inflatorisch ausufern ließen.
Selbstverständlich blieb der Abend unter dem Kronleuchter nicht im Literaturgeschichtlichen stecken. Begegnung mit dem Original war ebenfalls angesagt. Vor allem die galante Geschichte des Musäus vom rübenzählenden unterirdischen Schlossherrn durfte nicht fehlen. Diesen keinesfalls einfachen Text brachte Therese Beck einfühlsam zu Gehör. Alfred Pointner hingegen konzentrierte sich auf den Urtext. Der bekannte Erzähler stellte mit drei Sagen aus dem Praetorius sein Können unter Beweis. Virtuos ließ er den boshaften Geist auf einen lautenspielenden Studenten treffen, wusste das drastisch-saftig exekutierte Lehrstück des Herrn der Berge an drei liebeslustigen Offizieren höchst angemessen ins Ohr zu bringen, um schließlich mit dem köstlichen Bericht einer solennen Wirtshausrauferei des Rübezahls während eines Kirmesbesuchs abzuschließen und damit die Lacher seine Seite zu bringen.