Di., 22. Mai 2018, 15:35 Uhr
Fotoausstellung in der Stadtbibliothek Worms ab Montag nächster Woche zu sehen
Wilna 1918: Jerusalem des Nordens - Rom des Ostens
Im Magazin der Stadtbibliothek schlummern immer noch bisher nicht katalogisierte Schätze. So tauchte jetzt eine Mappe mit Ansichten von Wilna aus dem letzten Jahr des Ersten Weltkrieges auf: 55 Originalabzüge von Fotografien des damals in Wilna ansässigen polnischen Fotografen Jan Bułhak (1876-1950), der bei dem berühmten Fotografen Hugo Erfurth in Dresden studiert hatte. Weitere Abzüge von Bułhaks Fotografien aus dieser Zeit gehören zu den Schätzen des litauischen Nationalmuseums in Wilna. Als ‚Denkmal‘ einer weltoffenen Stadt der Religionen und Kulturen zeigt die Stadtbibliothek Worms (Marktplatz 10) nun die 100jährigen Fotografien aus Wilna - überwiegend Ansichten der Kirchen und aus dem Ghetto - in einer kleinen Ausstellung im zweiten Obergeschoss vom 28. Mai bis 30. Juni 2018. Der Eintritt ist frei.
Wie aus dem eingeklebten Exlibris (Bucheignerzeichen) hervorgeht, stammt das Mappenwerk aus dem Besitz von Tilla Freifrau v. Heyl zu Herrnsheim (1880-1947), seit 1907 verheiratet mit Cornelius Wilhelm Karl (Cornel) von Heyl zu Herrnsheim (1874-1954), der während der deutschen Besetzung der russischen Gouvernementshauptstadt 1915 bis 1918 dort als Reserveoffizier stationiert war, während sich seine Familie wohl zumindest zeitweise in der Nähe aufhalten konnte. Zeitgleich war der Maler Karl Schmoll v. Eisenwerth, der 1915 seinen Nibelungenzyklus im Cornelianum abgeschlossen hatte, als Künstler bei der Zeitung der 10. Armee in Wilna dienstverpflichtet. Am 17. Mai 1917 schrieb er an Ludwig Cornelius (Ludy) von Heyl zu Herrnsheim (1886-1962): „Der Dienst scheint sich ganz erträglich zu gestalten u. ich hoffe sogar, wirklich einigermaßen Künstlerisches liefern zu können. … Wilna selbst ist ungeheuer anregend u. wäre für einen freien - u. wirklich freien - Künstler eine Quelle von größter Reichhaltigkeit.“ (Brief im Stadtarchiv Worms, Abt. 185 / Nr. 2597).
Damals war Wilna eine vielsprachige, multikulturelle und multireligiöse Stadt; um 1900 betrug der jüdische Bevölkerungsanteil im „Jerusalem des Nordens“ über 40 Prozent. Italienische Baumeister schufen zahlreiche barocke Bauwerke in der Stadt. Die Altstadt, die auch die deutsche Besetzung im Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschädigt überlebt hat (während die jüdische Bevölkerung Opfer des Holocaust wurde), zählt zu den größten in Osteuropa und gehört seit 1994 zum UNESCO-Welterbe. Aufgrund der über 50 Kirchen trägt die litauische Hauptstadt auch den Beinamen „Rom des Ostens“. Öffnungszeiten der Ausstellung sind montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 13 Uhr.