Di., 20. Juni 2017, 09:09 Uhr
Veranstaltung bei der SPD Worms-Horchheim zum Thema Wirtschaft und Armut
»Wirtschaft und Armut wächst – Wer länger arbeitet ist kürzer arm!«
Die von SPD Worms-Horchheim organisierte Veranstaltung hatte ein interessantes Thema und engagierten Referenten zu bieten. Aber nur wenige Besucher wurden angelockt.
Mit einem Blick auf viele leere Stühle, aber nicht enttäuscht zeigten Hans Herbert Rolvien, nicht nur wegen des zu heißen Wetters, nein - mit dem Thema Armut möchte man sich nicht befassen. Den man muss schon sehr motiviert sein, sehr viel Empathie haben und die Gesichter und Lebensgeschichten dieser Leute zu sehen, um sich dafür überhaupt zu engagieren, eröffnet Hans Herbert Rolvien seinen Vortrag.
Denn heute wie gestern, scheint ein Überdrang zur Verteidigung von Privilegien und Privatinteressen die Gesellschaft zu Zerspalten und steht somit einer notwendigen Erneuerung des Gemeinwohl-Gedanken im Wege. 13 Millionen Menschen in Deutschland leben in Armut und Ausgrenzung, das ist eine Armutsquote von 16,3 Prozent und erreicht somit im Jahr 2017, leider einen neuen Rekordwert seit der Wiedervereinigung. Aber arm sein in Deutschland was heißt das überhaupt? Und wieviel Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen? Das Statistischen Bundesamt zieht hier die Armutsrisikoquote zu Rate, aber das hält Rolvien für keine gute Idee, denn Armut ist komplexer, deshalb messen die Forscher mit einer multidimensionalen Methode um, so die viele unterschiedlichen Aspekte einzubeziehen die entscheiden ob ein Mensch in Armut lebt, z. Bsp. kinderreiche Familien in teuren Großstädten, einsame Alte, oder Chronisch Kranke die mehr Geld für spezielle Diäten oder Hilfsmittel brauchen. Die Ungenauigkeit der Armutsrisikoquote ist das Problem, denn wer die Armut gezielt bekämpfen will, muss wissen wo der Kampf Erfolg verspricht!
Beim Thema Arbeitsmarkt, ist es die Bundesregierung mit der Kanzlerin, die die monatliche Bekanntgabe der jeweils aktuellen Zahlen der Arbeitslosigkeit als ihren Erfolg feiert. So gab es im September 2016 2,61 Millionen Arbeitslose, doch Rolvien machte die Anzahl an Arbeitslosen eher an der Zahl der sogenannten „Unterbeschäftigten“ (n der Unterbeschäftigung werden zusätzlich zu den registrierten Arbeitslosen auch die Personen erfasst, die nicht als arbeitslos im Sinne des Sozialgesetzbuches (SGB) gelten, weil sie Teilnehmer an einer Maßnahme der Arbeitsförderung oder kurzfristig erkrankt sind)fest, die derzeit bei 3,6 Millionen Menschen liegt, also um eine satte Million höher als die offizielle Arbeitslosenzahl.
„Aus Vollzeitarbeit wurde prekäre Beschäftigung“
Im März sind es 43,8 Millionen Menschen in Deutschland die einer bezahlten Arbeit nachgegangen sind.“ Meldungen wie diese sind keinesfalls falsch – die Zahlen stimmen. Problematisch ist allerdings, wie diese Zahlen interpretiert werden könnten und oftmals leider auch werden. Diese hohen Beschäftigungszahlen – sind letztlich erkauft. Erkauft dadurch, dass die Politik einen Graubereich im höchsten Niedriglohnsektor Europas (mit 22%) offen hält, in dem Menschen in Jobs zweiter Klasse(mit Werksverträge und Leiharbeit) arbeiten. Der AfA Vorsitzende wies hier nochmal besonders darauf hin, dass die Zahl der Erwerbstätigen nichts darüber aussagt, ob es sich auch um halbwegs „normale Jobs“ handelt. Wie wichtig diese Differenzierung ist, zeigt der Vergleich von Erwerbstätigen und tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden: Seit 2010 laufen die „Kopfzahl“-Entwicklung bei den Erwerbstätigen und die Entwicklung der geleisteten Arbeitsstunden, also das Arbeitsvolumen, auseinander, sein Fazit: „aus Vollzeitarbeit wurde prekäre Beschäftigung“. Was dazu führte, dass vor allem die unteren Reallöhne bis zu 25% gefallen sind.
Besonders frustrierend sind die Perspektiven für die Jüngeren. „Rolvien spricht von “einer verlorenen Generation". Jeder Dritte unter 35 hat einen Niedriglohnjob mit weniger als elf Euro die Stunde, aus dem der Mehrheit binnen fünf Jahren nicht der Aufstieg gelingt. In diesen Jobs verdienen sie 20 Prozent weniger als Gleichaltrige in den 80er Jahren. Damals gehörten noch 76 Prozent der 18- bis 30-Jährigen der Mittelschicht an. Inzwischen sind es nur noch 58 Prozent. Was bedeutet, dass ein Job nicht unbedingt vor Armut schützt und die Wunderformel von Politik, mehr Menschen in Arbeit zu bringen nicht das alleinige Gegenmittel gegen Armut ist.
Auf der anderen Seite haben sich die Dax-Vorstandsgehälter seit Anfang der 1990er Jahre versiebenfacht. Oder gucken Sie auf Frau Hohmann-Dennhardt bei VW, die 12,5 Millionen für zwölf Monate kassiert, oder die durchschnittlichen Jahresgehälter für Sparkassenvorstände von über 300.000 Euro.
Der fünfte Armuts- und Reichtums-bericht der Bundesregierung zeigt: Die Ungleichheit steigt immer weiter. Die obersten 10 % der Haushalte besitzen mehr als 60 % des gesamten Nettovermögens, die Haushalte der unteren Hälfte nur ein Prozent. Dabei sind Multimillionäre und Milliardäre in dieser Statistik nicht einmal gesondert erfasst, und wären sie erfasst, sehe das Ergebnis vermutlich noch viel deutlicher aus. Die ärmsten 40 % der Verdiener haben so gut wie gar kein Vermögen oder sogar Schulden. Demnach verringern die wenigen Großverdiener den Wohlstand aller anderen.
In der Bildungsrepublik Deutschland bleibt in der Regel arm, wer das Pech hatte in einem Haushalt mit niedrigem Einkommen geboren worden zu sein. Nur wenige schaffen es in die Mittelschicht.
Armutsentwicklung alarmierend
Alarmierend ist auch, dass im Zehn-Jahres-Vergleich insbesondere die Armutsentwicklung bei Rentnerinnen und Rentnern. Ihre Armutsquote stieg zwischen 2005 und 2015 von 10,7 auf 15,9 Prozent und damit um 49 Prozent, ein völliger "Ausreißer in der Armutsstatistik".
Dass dadurch das empirisch belegte frühzeitige Ableben der Bertoffenen, bei Frauen rd. 8 Jahre, bei Männern ca. 10 Jahre, gefördert wird, lässt die eiskalten Vertreter der Mitte der Gesellschaft unberührt. Wer es als Erfolg feiert, dass in Deutschland über 1000 Tafeln nicht nur Bedürftige, sondern auch Menschen die in Vollzeit arbeiten mit dem Lebensnotwendigsten versorgen, der hat sich nach meinem Verständnis aus seiner sozialen Verantwortung schon längst verabschiedet.
Aus der Armenhilfe ist ein Geschäft geworden und Rolvien ist fest davon überzeugt, dass die in der Tafelbewegung engagierten Unternehmen mehr profitieren, als die Menschen die gesellschaftlich an den Rand gedrängt wurden. Es zeigt mir die uneingestandene strukturelle Komplizenschaft zwischen Akteure von Tafeln, Unternehmen und Politik, die statt Armut nachhaltig durch politisches Handeln zu bekämpfen, die private Wohltätigkeit als kostengünstiger Ersatz instrumentalisiert.
Dafür bekommen die Angehörigen der so genannten Mittelschicht verbale Streicheleinheiten von den Politikern. Tatsächlich aber sinkt die Zahl der angestellten und selbstständigen Mittelständler deutlich. Jenen, die wirtschaftlich überleben, droht die Altersarmut.
Es ist die Mehrheitsgesellschaft, die zu begründen hat, ob sie Menschen mit Behinderung in vielen Lebensbereichen echte Inklusion vorenthält. Es sind die Privilegierten, die zu rechtfertigen haben, wenn sie 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Hartz IV belassen und damit deren Bildungs- und Entwicklungschancen massiv beschädigen. Es sind die Privilegierten, die zu erklären haben, wenn sie langzeitarbeitslosen Menschen Beschäftigung vorenthalten oder pflegebedürftigen Menschen Personalschlüssel, bei denen man tatsächlich von gleicher Würde unter Gleichen sprechen kann.“
Gegenmaßnahmen zu realisieren!
Das heißt: Trotz einem detaillierten Wissen um Armut und Ausgrenzung werden politische und gesellschaftliche Maßnahmen neu getroffen und aufrechterhalten, die Menschen in ihrer Armut festsetzen, sie noch ärmer machen und weiterhin ausgrenzen – statt umfassende Gegenmaßnahmen zu realisieren. Und darüber sollte sich jeder bewusst sein und entweder begründen können, was dafür spricht, dass Kinder an Armut Schaden nehmen – oder sich dafür einsetzen, dass dies anders wird. Und wer wie Merkel behauptet, allen Menschen in Deutschland ginge es heute so gut wie noch nie, der wird sicherlich nicht ernsthaft etwas dafür tun, die Lebens- und Arbeitssituation der sozial Benachteiligten zu verbessern.
Der AfA Vorsitzende Hans Herbert Rolvien verstand es in seinem Vortrag nicht nur deutlich zu machen wie sich die ökonomische Ungleichheit in Deutschland entwickelt hat und was das für das Leben der betroffenen Menschen bedeutet, sondern er erörterte in er nachfolgenden Diskussionsrunde, mögliche politischen Lösungen zu diesen Themen.
Der Ortsvereins-Vorsitzende Volker Janson dankte Hans Herbert Rolvien für sein interessantes Referat und den Gäste die trotz des heißen Abends den Weg zur SPD nach Horchheim gefunden haben.