Mo., 28.09.2026
Die Gratiszeitung für Worms und das Nibelungenland
  • Startseite
  • Sport
  • Termine
  • Stellenmarkt
  • Mo., 07. November 2016, 10:54 Uhr
    Vortrag zu „Arbeiter in Worms in 200 Jahren Rheinhessen" des DGB Stadtverbandes

    Wormser sind trotz schwerer Lebensumstände aufmüpfig

    Der DGB Stadtverband Worms hatte eingeladen zu „Arbeiter in Worms in 200 Jahren Rheinhessen". Man hatte sich als Veranstaltungsort die EWR-Turbinenhalle ausgesucht, in der die Ausstellung „200 Jahre Rheinhessen – Das neue Worms“ gezeigt wurde. Wie der Vorsitzende Bernhard Elz bei der Begrüßung sagte, hatte man bei der Planung festgestellt, dass diese Ausstellung geplant ist und spontan entschieden in die Turbinenhalle zu gehen. Denn der Veranstaltungsraum mit den mächtigen Turbinen und den Bildern und Texten der Ausstellung passte hervorragend zum Thema.


    Der DGB hatte Dr. Klaus-Jürgen Becker für einen Vortrag gewinnen können. Dr. Becker ist Archivar der Stadt Ludwigshafen und besitzt selbst ein großes Archiv an historischen Dokumenten. Aus diesem Fundus einschließlich Dokumenten aus dem Wormser Archiv gestaltete er einen hervorragenden Vortrag. Die historischen Ereignisse in 200 Jahren Rheinhessen mit der Besitzergreifung des bis dahin französischen Rheinhessens durch Großherzog Ludwig I. von Hessen-Darmstadt schilderte er genauso wie den Widerstand der Wormser, die „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ aus der französischen Revolution schon verinnerlicht hatte. Er kam dann bald zum Kernthema des Vortrags – der Situation der Arbeiter in Worms. Mit der Industrialisierung ab 1839 entstand die Lederindustrie, in der bis dahin überwiegend landwirtschaftlich geprägten Region. Um 1857 gab es elf Fabriken in Worms, darunter die drei Leder verarbeitenden Fabriken und eine Textilfabrik. Allein bei Heyl waren 650 Arbeiter aus Worms und dem Umland beschäftigt bei 9.000 Bewohnern der Stadt. Nun machte Dr. Becker deutlich unter welch schlechten Arbeitsbedingungen und zu welch extremen Arbeitszeiten die arbeitenden Menschen den Wohlstand des neuen Fabrikadels erschufen. Die Menschen lebten in Unterkünften, die nicht als Wohnungen bezeichnet werden konnten, mit einer Vielzahl von Personen aus mehreren Generationen. Oft wurde noch aus Not an auswärtige Arbeiter „untervermietet“ um Einkünfte neben den kärglichen Löhnen zu bekommen. Gearbeitet werden musste täglich 16 Stunden an sechs Tagen in der Woche – der Sonntag war damals tatsächlich schon arbeitsfrei. Bei dieser geringen Freizeit, die rein der Erholung von der Arbeit dienen konnte war die Gefahr von Unfällen und krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit besonders hoch. Dazu kam die gesundheitliche Gefährdung, denen die Arbeiter durch den körperlichen Kontakt und den Ausdünstungen durch die Gerbstoffe, die Weichmacher und Farben in den Fabriken ausgesetzt waren. Dies erkannten auch die Fabrikbesitzer und sorgten für eine gewisse Krankenversorgung sowie Wohnunterkünfte. So baute Heyl 42 Häuser im „Kiautschau“ für seine Arbeiter, wofür er allgemein als Wohltäter gesehen wird. Tatsächlich wurde er tätig um seine Arbeiter mit ihren Familien an die Fabrik zu binden und mit versierten Arbeitskräften die Qualität und Konkurrenzfähigkeit seiner Produkte zu sichern. Denn gleichzeitig baute ein privater Verein 142 Wohnungen für die Fabrikarbeiter, an deren Kosten die Fabrikbesitzer nur zum geringeren Teil beteiligt waren. Die Häuser waren aber zu teuer für die kinderreichen Familien, woraufhin sie mit 2-3 Wohnungen ausgestattet wurden.


    Dr. Becker ging auch auf den Widerstand gegen Obrigkeit und die Fabrikbesitzer der damaligen gewerkschaftlich organisierten Arbeitervereine ein, die in Worms zeitweise bis zu 445 Mitglieder hatten. Als deren Widerstand gegen die starken reaktionären Kräfte in Worms mit der Besetzung der Stadt 1849 durch eine hessische Armeedivision zusammenbrach unterstützten die Wormser die Ludwigshafener gegen die Preußische Armee.


    In der an den Vortrag anschließenden Gesprächsrunde moderiert von Heiner Boegler wurde viele Beiträge des sehr interessierten Publikums, das erfreulich zahlreich erschienen war, eingebracht. So erläuterte Volker Gallé, der Hauptinitiator des 200 Jahre Rheinhessen-Jubiläums, wie schwer es ist die Menschen und insbesondere die Jüngeren in die vielen völlig unterschiedlichen Veranstaltungen zu bekommen, die überall im Land angeboten werden. Er fragte ob hier andere modernere Darstellungsformen gefunden werden müssten. Dr. Becker stellte dar, dass es heute schwer ist 30 Menschen zu interessieren, vor 20 Jahren hätte man noch von 300 gesprochen und vor 50 Jahren wären es 3000 Interessierte gewesen, obwohl die Menschen weniger Freizeit hatten und auch weniger mobil waren.  Zum gleichen Thema äußerten sich anwesende Gewerkschaftler, dass die Gewerkschaften früher auch Bildungsvereine für die Bevölkerung waren. Dass es damals niemand schwer gefallen ist 2 bis 3 Stunden zuzuhören, während man heute kaum länger als eine halbe Stunde sprechen darf, weil die Menschen nicht mehr länger aufmerksam zuhören können. Mit der Aussage, dass die Kultur die Historie so aufarbeiten muss, dass es für die Menschen verständlich und interessant ist und der Frage wo die Elemente zu finden sind, die die Menschen interessieren, was wie ein Arbeitsauftrag an Verantwortliche klang, endete der Austausch. Der DGB-Vorsitzende Bernhard Elz dankte den Besuchern, Dr. Becker, Volker Gallé, Heiner Boegler und mit einem Genesungswunsch dem verhinderten Dr. Mattes sowie EWR und Museum der Stadt.

    Beitrag aus der Rubrik

    » Worms und Ortsteile
    Anzeige Reifen Mast KN10123Anzeige Platten NOLLAnzeige Online StellenmarktAnzeige VHS
    Anzeige TicketshopAnzeige Tip SüdhessenAnzeige Amtsblatt
    Anzeige das WormserAnzeige Cecil Cycle KN18256Anzeige 3 Füller 1