
Von Regina Urbach Der erste Poetry Slam nach der Sommerpause im gut ausgelasteten Lincoln brachte gleich eine Sensation: Obwohl namhafte Teilnehmer aus ganz Deutschland vertreten waren, slamte sich Neuling Mortimer aus Worms in die Publikumsherzen.
Und das ging so: Die insgesamt zehn Teilnehmer aus Köln, Stuttgart, Halle, Frankfurt, Darmstadt und der hiesigen Region (darunter nur eine junge Frau) präsentierten einen eigenen Text zunächst in der Vorrunde. Frei oder abgelesen, gereimt oder in Prosa, allein oder im Team (es gab ein Duo) und in maximal sechs Minuten. Aus zwei Dreier- und einer Vierer-Runde kürte das Publikum durch Länge und Lautstärke des Applauses einen Sieger. Die drei Vorrundensieger präsentierten dann einen weiteren Text, die leider allesamt hinter den Erststücken zurückblieben. Zwischen dem laut-schockenden Kapuzenhelden Timo Bomelino aus Stuttgart und Mortimer mit seinen witzigen Formulierungseinfällen kam es zur „Schinken“-Kampfabstimmung: Und da haben die Wormser das Wort „Schinken“ überzeugender herausgebrüllt. Professionell eingestimmt wurde der Abend von den unwiderstehlichen Softi-Abgesängen von Tilman Claas, Sänger der Band Lampe, moderiert wurde er mit dem Pepp einer Studentenparty von Jens Wienand und Indiana Jonas.
Mortimers Erstbeitrag, eine „fast ehrliche Bewerbung“, schilderte einen abstrusen Abenteurerlebenslauf und versprach dem künftigen Arbeitgeber treuherzig „moralische Flexibilität“. Thematisch ins Schwarze traf auch der Kölner Maximilian Hunkert, der immerhin den ansehnlichen Marvin Ruppert aus dem Rennen schlug und es in die Endrunde schaffte. Er rechnete gründlich ab mit der gepflegten Ironie, vor allem beim Tatortgucken. Sprachlich wie inhaltlich anspruchsvoll war Lukas Lazarewitsch aus Frankfurt: Er baute sein eigenes Schiffchen und ließ die Titanic mit den vergnügungssüchtigen Allesverdrängern untergehen. Rhythmisch wie ein Rap-Reimer, sprachlich ausgefeilt und komplett auswendig amüsierte sich Michael Königstein aus Landstuhl über die „ambivalente Dekadenz“ der Generation „ohne Leitidee- und –wolf“, die laufe und laufe und sich meist nur ver-laufe. Eine witzige Kurzgeschichte voller Anspielungen und Rückbezüge brachte auch Fastneuling Martin Weihrauch dar. Wie bei Slam-Abstimmungen unvermeidlich, kamen klamaukige Texte besser an als etwa die unglaublich mutige Liebeserklärung der 17-jährigen Sara Schreiner aus Frankenthal oder gar hingerotzte Hasstiraden voller Testosteron und Kraftausdrücken. Einige Texte wurden schlicht nicht von allen verstanden. Nicht umsonst schlagen Slam-Kritiker immer wieder vor, auf den Wettkampfcharakter zu verzichten. Eine reine Lesung, so sei dagegen gehalten, hätte nie so viele junge bis mitteljunge Zuhörer ins Lincoln gelockt.
Am Donnerstag, dem 2. Oktober, wartet auf Slam-Fans ein Song Slam im Lincoln (Info: https://www.facebook.com/poetryslam.worms).