Mit dem Strafkatalog soll das Chaos bei Rheinpfalzbus gestoppt werden / Täglich bis zu 25 Beschwerden über Missstände beim Busverkehr in Worms
„Zeit der Ausreden ist vorbei!“
Vieles läuft beim neuen Anbieter Rheinpfalzbus noch nicht rund. Foto: Gernot Kirch
Von Gernot Kirch Nach europaweiter Ausschreibung nahm am 15. Juni 2014 der neue Busbetreiber für die Stadt Worms, die Rheinpfalzbus, mit viel Vorschusslorbeeren den Betrieb auf. Freudestrahlend wurden wenige Tage vor dem Start auf dem Marktplatz die nagelneuen, roten Busse präsentiert. Nicht alles, aber vieles sollte besser werden. Angefangen von der Neigetechnik, Einstiegshilfen, Klimaanlage sowie Fahrgastinformationen in Echtzeit sowohl in den Bussen wie an den Haltestellen. Auch wurden Linien optimiert. Um all dies zu erreichen, hatte der ÖPNV-Beauftragte der Stadt, Karl-Heinz Adelfinger, drei Jahre lang in unermüdlicher Arbeit und unter Einbindung der Bevölkerung die Ausschreibung vorbereitet. Wobei es die vermeintlichen Verbesserungen nicht zum Nulltarif gab, denn war der Busverkehr bis zum 15. Juni 2015 kostenneutral, muss die Stadt Worms jetzt pro Jahr 2,3 Millionen Euro Zuschuss zahlen.
Massive Beschwerden Doch aus dem erhofften, gelungenen Start wurde nichts, denn praktisch vom ersten Tag an gab es massive Beschwerden. So machten zahlreiche frustrierte Kunden seit Sommer gegenüber dem NK ihrem Unmut Luft. Eine Pendlerin, die jeden Tag an den Wormser Hauptbahnhof muss, berichtete, dass sie mit 25 anderen Bürgern am Wormser Bahnhof auf den Bus nach Pfeddersheim gewartet habe, doch er sei einfach nicht gekommen. Einige Tag später sei der Bus dann einige Minuten früher abgefahren und sie hätte wieder am Bahnhof gestanden. Andere Fahrgäste erzählten, dass der Busfahrer schlicht die Fahrstrecke nicht kannte und andere Wege genommen haben oder an Haltestellen vorbei gefahren sei.
Dazu kommt, dass die Fahrgastinfos häufig weder im Bus noch an den Haltestellen funktionieren. Ein weiteres Thema ist die teilweise Unfreundlichkeit der Fahrer. Auch beschweren sich Radfahrer über das rüpelhafte Verkehrsverhalten einiger Busfahrer. So seien Radler vor dem Tunnel geschnitten worden und konnten nur durch eine Vollbremsung einen Unfall vermeiden. Die Liste ließe sich fortsetzen. Fakt ist aber, dass es keine Einzelfälle sind, sondern die Verfehlungen massiv auftreten. Gemeinsam mit Karl-Heinz Adelfinger stand Oberbürgermeister Michael Kissel zu einem Gespräch mit dem NK zur Verfügung. Michael Kissel erläuterte dabei, dass täglich mindestens fünf, anfänglich sogar bis 25 Beschwerden eingingen. Viele Beschwerden habe es, so der Stadtchef auch gerade am Backfsichfest gegeben.
Das Maß ist voll Glaubten alle Beteiligten zunächst noch, die Verfehlungen wären „Kinderkrankheiten“, die sich rasch bzw. nach einigen Wochen beheben ließen, wurden sie bald eines Besseren belehrt. Denn mit dem Beginn des Unterrichts an den Schulen nach den Sommerferien erreichte das Chaos einen neuen Gipfel, besonders von Schülern der IGS kam heftige Kritik.
Die Unzufriedenheit der Verantwortlichen bei der Stadt hat inzwischen denn auch einen Grad erreicht, sodass Oberbürgermeister Michael Kissel am Mittwochabend gegenüber dem NK erklärte: „Die Zeit der Ausreden ist vorbei!“ Von den ersten Beschwerden an sei man in Kontakt mit der Rheinpfalzbus, so der der Stadtchef und Karl-Heinz Adelfinger gemeinsam. Doch substantiell verbessert habe sich zu wenig. Beiden war beim Pressegespräch am Mittwoch die Enttäuschung anzusehen.
Wobei die Stadt es nicht beim Reden und Diskutieren belässt, sondern auch bereits den Strafkatalog zur Anwendung gebracht hat, der im Vertrag zwischen Stadt und Rheinpfalzbus vorgesehen ist, wenn der Betreiber vereinbarte Leistungen nicht erfüllt. Jeden Monat seien bisher, so OB Kissel, zwischen 5.000 und 20.000 Euro an Strafe für den Betreiber angefallen, da er jene festgelegte Leistungen nicht erbracht habe. Und diesen Weg werde die Stadt konsequent weitergehen, denn letztlich erzeuge man so einen massiven Druck den Rheinpfalzbus auch spüre.
Verbesserungen angepackt Karl-Heinz Adelfinger wies beim Gespräch mit dem NK daraufhin, dass es verschiedene Ursachen für die Unzufriedenheit der Kunden gebe. Dies sei einmal das Material, wie etwa die fehlenden Fahrgastinformationssystem. Hier gebe es gar keine Diskussionen. Die Rheinpfalzbus muss dies laut Vertrag leisten. Dann seien da die Fahrer. Auch hier liege das Problem eindeutig bei der Rheinpfalzbus. Karl-Heinz Adlefinger erklärte ergänzend, dass rund die Hälfte der Busfahrer neu in Worms sei, die andere Hälfte habe vorher schon für den BRN gefahren.
Es gebe aber auch Änderungen bei den Fahrplänen und Linienführungen. Manches Neue sei einfach gewöhnungsbedürftig, manches andere werde von den Fahrern aber einfach noch nicht so umgesetzt, wie dies sein soll. Dass die Mängel aber abgestellt werden, daran arbeite man. Einige Änderungen zum vorherigen Fahrplan müssten aber auch angepasst werden, da der erhoffte Vorteil für die Passagiere nicht eingetreten sei. OB Kissel erklärte, dass der Haupt- und Finanzausschuss am Mittwoch auch bereits einige Verbesserungen beschlossen habe, die zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember wirksam werden und die die Stadt 40.000 Euro jährlich mehr kosten. So werden etwa die Linien 405 und 408 stadteinwärts wieder über den Hauptbahnhof geführt oder die Linie 431 erhält mit der Fahrstrecke entlang der Parallelentlastung im Wormser Norden weitere Haltestelle, was gerade Berufspendler wichtig ist. Weitere Änderungen betreffen die Linien 410, 414, 432 und 434.
Warum Privatisierung? Bei aller Kritik bleibt es für viele Betroffene ein Rätsel, warum es gerade in Worms so aus dem Ruder läuft. Die Rheinpfalzbus bedient auch die Buslinien in Speyer und Bad Bergzabern. Und dort gäbe es keine Problem. Viele Bürger stellen aber auch die prinzipielle Frage, warum ein Teilaspekt der Grundversorgung der Menschen, wie der öffentliche Personennahverkehr, überhaupt von Privatfirmen erbracht wird, ob dies nicht vielmehr eine Aufgabe der Stadt sei?