Zwei wachsame Personen ermöglichten die Beendigung einer wilden Fahrt und Flucht unter Drogeneinfluss
Zivilcourage gegenüber verdächtigem Verkehrsteilnehmer
Auszeichnungen für Zivilcourage. Hinter Reihe von links: Christian Plötz, David Burkhardt, Michael Vogel und Werner Schneider. Vordere Reihe: Viktor Brauer, Julia Nolandt und Gerald Gouasé. Foto: Gernot Kirch
Von Gernot Kirch Als Julia Nolandt mit ihrem kleinen Opel abends gegen 18 Uhr von der Arbeit in Mannheim über Ludwigshafen nach Worms fuhr, ahnte die 19-jährige noch nicht, was ihr an diesem Tag passieren sollte. Der Schrecken nahm ihren Anfang, als sie sich auf der B9 auf Höhe von Bobenheim-Roxheim der Nibelungenstadt näherte und ihr ein Transporter vor ihr auffiel, der zerdellert aussah und dessen Windschutzscheibe fehlte bzw. in Mitleidenschaft gezogen war. Zudem fuhr der Wagen leichte Schlangenlinien. Beherzt nahm sie die Verfolgung auf, da sie befürchtete, dass dem Fahrer gesundheitlich etwas fehlte oder zumindest irgendetwas nicht stimmte. In erster Linie wollte sie helfen.
Flucht auf den EWR-Parkplatz
Der kleine, beschädigte Transporter fuhr dann über die Ludwigstraße auf die Klosterstraße und der Fahrer steuerte das Fahrzeug schließlich auf den Mitarbeiterparkplatz des EWR, schräg gegenüber des Kesselhauses bzw. der Turbinenhalle. Julia Nolandt stoppte dort ebenfalls, stieg aus, ging zu den beiden Insassen und fragte, ob sie helfen könne. Sofort fiel Julia Nolandt auf, dass die Männer nicht klar redeten und wohl unter Drogen oder Alkoholeinfluss standen. Nun wurde ihr ein wenig mulmig und sie bekam es mit der Angst zu tun. Quasi im selben Augenblick beobachte aber ein Haustechniker des EWR, Viktor Brauer, der auf einem der Gebäude gegenüber des Parkplatzes arbeitete, dass dort unten an der Einfahrt zum Mitarbeiterparkplatz etwas nicht stimmte. Ohne lange zu fackeln, begab sich der 61-jährige Viktor Brauer zu der Parkplatzeinfahrt und kam damit Julia Nolandt zu Hilfe, die gegenüber jenen zwei Männer im mittleren Alter inzwischen davon sprach, die Polizei zu rufen. Davon wollte die Kerle aber nichts wissen, sondern versuchten zu fliehen. Zunächst versuchten sie völlig überhastet und planlos mit dem Transporter von dem Parklatz gelangen, dies konnte aber nicht gelingen, da der Mitarbeiterparkplatz des EWR keine weitere Ausfahrt hat. Und aus der einzig möglichen Ausfahrt konnte sie nicht gelangen, da dort Julia Nolandts Opel stand. Bei ihren Fluchtbemühungen rammten die Kerle sogar das Auto von Julia Nolandt, die mittlerweile die Polizei alarmiert hatte. Zum Glück war jetzt aber stets Viktor Brauer an ihrer Seite.
Kein Ausweg aus der Falle
Die zwei Männer ließen nun in ihrer Panik das Auto stehen und wollten zu Fuß von dem Grundstück flüchten, was nicht gelang, da ringsum den Parkplatz ein Zaun war. Dann gingen bzw. torkelten die Kerle zurück zum Wagen und versuchten erneut mit dem zerdepperten Transporter zu entkommen, aber die Zufahrt war ja immer noch durch den Opel versperrt. Schließlich erschien nach rund einer Viertelstunde die Polizei in einem Streifenwagen und zwei Beamte, David Burkhardt und Christian Plötz, kamen zu Hilfe. Jetzt rannten die Männer erneut davon. Während einer über einen Zaun entkommen konnte, wurden die Polizeikommissare des anderen habhaft. Nun endete für Julia Nolandt die Odyssee, allerdings mit einem ramponierten Opel. Für den Schaden sei, so Julia Nolandt, bis heute noch keine Versicherung aufgekommen.
Auszeichnung für Zivilcourage
Am Mittwochnachmittag wurden Julia Nolandt und Viktor Brauer von dem Leiter der Worms Polizei, Kriminaldirektor Gerald Gouasé, mit einer Dankurkunde für das couragierte Verhalten geehrt. Gerald Gouasé wies daraufhin, dass es, wären die beiden Männer in ihrem Zustand noch weitergefahren, leicht hätte zu Personenschäden kommen können, wenn sie etwa Fußgänger an- oder umgefahren hätten.
Willkommen in Hessen
Gerald Gouasé berichtete am Mittwoch gegenüber der Presse, dass die weiteren Ermittlungen ergeben hätten, dass die zwei Männer mit ihrem Transporter in der Nähe des Viernheimer Kreuzes das Schild „Willkommen in Hessen“ über den Haufen fuhren. Daher stammten auch die Beschädigungen im Frontbereich des Fahrzeuges.
Wie verhalte ich mich richtig?
Auf die Frage, wie denn das richtige Verhalten von Beobachtern einer Straftaten sei, antwortete der Kriminaldirektor, dies könne man nur ganz schwer sagen und hänge von der jeweiligen Situation ab und den beteiligten Personen ab. Es gebe aber bei der Polizei die Richtschnur, die besage: Zivilcourage ist solange gut, solange man sich nicht selbst in Gefahr bringt. Gerald Gouasé wies in diesem Zusammenhang aber etwa auf die vielen Fahrerfluchten auf Parkplätzen hin, wenn ein anderer Wagen angefahren werde. Hier etwa seien Beobachtungen für die Ermittlungen extrem wichtig.